Agile Basics

Was ist Agilität und geht das wieder vorbei?

Agilität ist kurz gesagt eine mögliche Antwort auf eine aus der fortschreitenden Digitalisierung aktuell in fast allen Unternehmen vorherrschende Kernfrage:

Wie bereiten wir Menschen auf Jobs vor, die gegenwärtig noch gar nicht existieren, auf die Nutzung von Technologien, die noch gar nicht entwickelt sind, um Probleme zu lösen, von denen wir heute noch nicht wissen, dass sie entstehen werden?  Werner Sauter (BlendedSolutions), 2017

Bevor wir eine Definition von Agilität erstellen schauen wir uns mal einige falsche, aktuell leider jedoch verbreitete Vorstellungen an, was Agilität bedeutet:

Agilität…

… ist eine Methode, die man erlernen und einführen kann.

… ist der Weg zu besserer Qualität, geringeren Kosten oder schnelleren Umsetzungen.

… ist ein Trend, der irgendwann wieder abflauen wird.

… bedeutet Flexibilität.

Viele intelligente Menschen haben sich schon an einer prägnanten Definition von Agilität versucht, und so finden sich im Internet unzählige – mal mehr, mal weniger gute – Ergebnisse, was prima als Indikator zu bewerten ist wie schwierig es ist eine allgemein gültige Definition zu erzeugen.

Meine persönliche Definition von Agilität ist…

… eine auf Werten basierende Fähigkeit einer Organisation, sich schnell und proaktiv, nachhaltig und Verschwendung vermeidend auf neue Einflüsse von intern und extern der Organisation einzustellen oder diese selbst einzuleiten und die sich daraus ergebenden Herausforderungen gut vorbereitet anzunehmen und iterativ zu einem positiveren Ergebnis weiter zu entwickeln.

Der Satz klingt erstmal ein bißchen holprig, trifft aber mit wenigen Worten den Kern der Sache ganz gut. Um das Bild zu veranschaulichen würde ich gerne die einzelnen Bausteine daraus aufgreifen und näher erläutern um das Gesamtbild transparenter zu machen.

“auf Werten basierend”

Es ist also nicht möglich eine “Bedienungsanleitung” zu erstellen wie jemand oder etwas agil wird. Es geht hier zentral darum, die Ausrichtung neu zu orientieren. Weg von rein wirtschaftlichen Kennzahlen wie Effizienz und Gewinnmaximierung hin zu einem eigenen Wertesystem, an dem sich jegliches Tun und Entscheiden orientiert. Welche Werte das sein können werde ich im Verlauf noch weiter erläutern.

“schnell und proaktiv”

In einer Zeit, die immer digitaler wird ist es wichtig eine möglichst hohe Anpassungsgeschwindigkeit in der Organisation zu erreichen. Dabei muss der Fokus darauf liegen proakiv zu handeln und die Faktoren möglichst selbst zu beeinflussen und sich nicht nur auf die “Reaktion auf Veränderung” zu konzentrieren.

“nachhaltig”

Wichtig bei Agilität ist einen Blick auch auf die Langfristigkeit zu bewahren und den Fokus auf eine dauerhafte Verbesserung der Situation zu erreichen anstatt nur die schnelle Lösung für die akuten Probleme zu suchen.

“Verschwendung vermeidend”

Dies setzt direkt auf der Nachhaltigkeit auf, denn manchmal ist eine Lösung heute aufwändiger und anstrengender, fordert aber in der Betrachtung auch der zukünftigen Auswirkungen weniger Einsatz an Produktionsfaktoren. Verträge sind wichtig, ein starker Fokus auf ein wasserdichtes Vertragswerk erzeugt enormen Aufwand, trägt aber in keiner Weise zur Verbesserung des Produktes bei und wäre daher als Verschwendung zu betrachten.

“neue Einflüsse von intern und extern”

Während Anforderungen des Marktumfeldes und der Kunden von extern auf eine Organisation wirken, ist die Innovationskraft der eigenen Kollegen eine zentrale Komponente, welche von intern heraus Anforderungen stellt Veränderungen einzuleiten.

“darauf einzustellen oder selbst einzuleiten”

In der heutigen Marktdynamik ist es nicht ausreichend nur in der Lage zu sein sich an Veränderungen anpassen zu können, der langfristige Erfolg liegt darin Veränderungen vor dem Eintritt zu erkennen oder selbst den Markt zu beeinflussen.

“die sich daraus ergebenden Herausforderungen”

Auch die Art der Herausforderungen hat sich stark verändert. Während es im letzten Jahrhundert primär darum ging Prozesse und Abläufe zu optimieren und Mitarbeiter möglichst gleichförmig zu gestalten, sind die Anforderungen im neuen Jahrtausend deutlich vielschichtiger und das Individuum gewinnt sehr viel mehr Bedeutung und fordert vermehrt Aufmerksamkeit.

“gut vorbereitet anzunehmen”

In dem komplexen System von Faktoren, die eine Organisation aus allen Richtungen beeinflussen wird ist es zentral wichtig diesen Herausforderungen in der richtigen Art und Weise gegenüber zu treten.

“iterativ”

In unserer täglichen Arbeit bedeutet es den Fokus von den Plänen zu nehmen hin zur Lösungsfindung, z.B. durch Ausprobieren. Planung wird dabei nicht unwichtig, aber der Plan ist nunmal nicht das Ziel und durch Probieren erhalten wir neue Erkenntnisse, die wir mit einbeziehen können in der nächsten Iteration.

“zu einem positiveren Ergebnis weiter zu entwickeln.”

Das Streben nach stetiger Verbesserung muss mehr Gewicht bekommen als Veränderungen nur anzugehen, um den Status Quo zu erhalten. Bei jeder Veränderung, die auf eine Organisation zukommt gilt es eben auch die Anpassungen auf weitere Innovationen hin zu betrachten und diese für sich und die Kunden zu nutzen, damit das Ergebnis eine Verbesserung darstellt.

Wenn man sich die vorstehende Definition und die Erläuterungen anschaut, stellt man schnell fest, dass Agilität weitaus mehr ist als Scrum oder das Anwenden von agilen Methoden. Ebensowenig ist die Aussage treffend Agilität bedeutet Flexibilität. Das ist zwar nicht grundsätzlich falsch aber deutlich zu kurz gesprungen, da die Definition von flexibel (aus lat. flectere für „biegen“ oder „beugen“) bedeutet, auf eine Kraft oder einen Einfluß von außen zu reagieren. Ein rein reaktives Unternehmen ist nicht ausreichend bei den heutigen Marktanforderungen. Ziel muß es heute sein den Markt zu gestalten und nicht nur darauf zu reagieren.

Agil zu sein lässt sich in zwei Kategorien einteilen „doing agile“ und “being agile“

„Doing agile“ beschränkt sich auf das Einsetzen agiler Methoden und Praktiken und allein durch deren Anwendung lassen sich bereits positive Effekte beobachten wie z.B. eine erhöhte Transparenz und Produktivität oder eineinfacherer Umgang mit sich verändernden Anforderungen oder Prioritäten. Es ist generell nicht verwerflich sich darauf zu beschränken, sofern dies gezielt erfolgt und man sich dessen bewußt ist, dass man lediglich andere Rahmenwerke anwendet und die Organisation eben nur agil (oder Scrum) anwendet und nicht agil ist.

Der Schritt hin zu „being agile“ also dem eigentlichen agil sein ist noch ein weitaus größerer. Dies umfasst eine komplette Umstellung der Kultur, also der in einer Organisation gelebten Werte und Normen hin zu den mit Agilität in Verbindung gebrachten Werten wie Vertrauen, Offenheit, Selbstverpflichtung, Respekt, Mut etc. Wobei die genaue Ausprägung dieser Werte einer der wichtigsten Bestandteile einer agilen Transformation der Organisation ist. Es muss schon jedem transparent sein, was die Organisation unter Mut versteht und wie weit Offenheit gehen darf. Wenn diese Werte ausdefiniert sind und gelebt werden ergibt sich ein „agiles Mindset“ und die Organisation ist einen sehr großen Schritt weiter hin zum „being agile“.

Der Bereich des „doing agile“ lässt sich prima mit Hilfe von Beratern und Agilen Coaches in wenigen Monaten erreichen, indem agile Praktiken und Methoden eingeführt und trainiert werden. Der Weg hin zum „being agile“ ist eine Transformation und ein Kulturwandel der gesamten Organisation, der Jahre bis Jahrzehnte andauern kann oder in einigen Fällen auch gar nicht komplett umsetzbar ist. Auch hier können natürlich Berater unterstützen, nur diese Art der Transition muss von der Organisation selbst getragen und getrieben werden. Berater sind dabei eher langfristig an der Seite und arbeiten wie Mentoren oder Sparringspartner wenn es darum geht herauszufinden was man weiter probieren könnte um den Vorgang der Veränderung zu unterstützen. Wenn also ein Berater mit einem fertigen Konzept um die Ecke biegt nach dem Motto: “Wir machen in Ihrer Organisation jetzt Holokratie, das ist genau das was sie brauchen und wir gehen nach diesem Plan vor…“ dann ist eine gesunde Skepsis angebracht, denn eine Transformation nach Plan kann es nicht geben. Jede Organisation und jedes Individuum sind einzigartig und müssen ihren eigenen Weg finden sich zu verändern.

 

Ein Beitrag von Christian Seedig

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