Agile BasicsAllgemein

Woher der Hype um Agilität?

Gastbeitrag von Bodo Grollius, comdirect bank

Komplexität verändert die Wirtschaft heute dramatisch. Die uns allen bekannte Arbeitsorganisation stößt heute oft an ihre Grenzen. Organisationen müssen  wieder aus Sicht des Kunden denken.

Diese Hypothesen standen auch am Anfang der Impulssession “Woher der Hype um Agilität?” am 16.12.2019 bei der comdirect bank. Kurswechsel-Coach Arne Schröder erklärt, warum traditionelle Unternehmensführung – wie wir sie alle kennen – auch weiterhin gebraucht wird, warum sie aber in manchen Bereichen dringend ein Update braucht. Das Buzzword Agilität wird in den letzten Jahren immer stärker wie die sprichwörtliche Sau durch die Dörfer der Organisationen getrieben. Um zu klären, warum das so ist, lohnt sich ein Blick in die Geschichte.

Genauer, eine Reise zurück in das Manufakturzeitalter zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert, als hochspezialisierte Handwerker Produkte nach Kundenwunsch anfertigten und hierbei hohem Wettbewerbsdruck ausgesetzt waren. War beispielsweise ein Schreiner nicht in der Lage, seinen Kunden zufriedenzustellen, gab es andere in der Umgebung, die ihr Handwerk auch beherrschten und den Auftrag bekamen. Kundennähe und Qualität waren für diese Betriebe überlebenswichtig. Der zentrale Erfolgsfaktor war der Schreinermeister selbst als Mensch, der mit seinem Geschick exzellente Produkte als kundenindividuelle Einzelanfertigungen herstellte. Der Schreiner musste dabei ständig mit Überraschungen zurechtkommen. Es konnte jederzeit vorkommen, dass plötzlich ein neuer Kunde hereinkam und drei individuelle Kommoden haben wollte. Oder ein Kunde, dessen Schrank schon fast fertig war,  Änderungen wünschte. Solche Überraschungen waren der Normalfall und der Schreiner wäre nie auf die Idee gekommen, erstmal eine Budgetplanung anzufertigen. Er vertraute auf sein Können und legte los.

Mit der Industrialisierung veränderte sich das Arbeitsleben. Eisenbahnen und Dampfschiffe ermöglichten günstige Gütertransporte, neue Maschinen wurden erfunden. Ökonomen wie Frederic W. Taylor sahen die Chance, Produkte in großem Stil zu produzieren und abzusetzen. Die Herstellung musste nur möglichst kosteneffizient sein, damit Viele das Produkt kaufen konnten. Wenn damit eine ausreichend große Zahl an potentiellen Käufern erreicht werden konnte, würde sich das Produzierte schon verkaufen, so die Idee. So gab es auf lange Sicht mehr Käufer als man bedienen konnte, kaum Wettbewerber und wenig Überraschungen. Alles wurde planbar. Eine gewisse Qualität war weiterhin erforderlich, jedoch wurden individuelle Kundenwünsche nicht mehr berücksichtigt. Möbelfabriken bauten große Mengen identischer Schränke und verkauften sie für den Bruchteil des Preises eines Einzelstücks vom Schreiner. Henry Ford trieb dieses Prinzip mit seiner Fließbandfertigung auf die Spitze. Prozesse gaben detailliert vor, wie jeder kleinste Arbeitsschritt durchzuführen war. Ein Arbeiter in dieser Zeit wiederholte täglich tausendfach den immer gleichen Handgriff. Fiel ein Arbeiter aus, konnte schnell jemand einspringen. Es kam nicht mehr auf den Menschen an, sondern auf Effizienz. Um diese zu gewährleisten, wurden Aufseher benötigt, die sicherstellten, dass alle Arbeitsanweisungen genau befolgt wurden. Es waren die ersten Manager. Die Erfolgsrezepte Hierarchie, funktionale Trennung sowie Planung sorgten für einen sprunghaften Anstieg der Effizienz um den Faktor 100. Und es funktionierte: Allein das Ford Model T wurde fast 20 Jahre lang gebaut und 15 Mio. Stück davon abgesetzt. Das Automobil, das vorher nur für Wenige erreichbar war, mobilisierte die Massen und brachte vielen tausend Menschen Arbeit.

Viele größere Organisationen sind immer noch nach diesen Erfolgsrezepten aufgestellt. Es ist ihr „Betriebssystem“. Dieses Betriebssystem ist mehr als 100 Jahre alt und hat die moderne Welt ermöglicht. Es sorgte für die Verfügbarkeit von Gebrauchsgütern für jedermann, Wohlstand und Aufstiegschancen. Und stößt heute manchmal an seine Grenzen. Warum das so ist? Seit Henry Fords Zeiten hat sich einiges geändert. In den 1980er Jahren kam es zu Marktliberalisierungen, globale Transporte wurden zunehmend billiger. Die Absatzmärkte wurden ungemütlicher. Es reichte nicht mehr aus, kostengünstig zu produzieren. Man musste ständig damit rechnen, dass ein Akteur ein besseres Produkt günstiger anbot. Mit der massenhaften Verbreitung des Internets und des Smartphones beschleunigte sich diese Entwicklung dramatisch: Einem Startup reicht heute ein Laptop und ein Smartphone, um von irgendwo auf der Welt ein Konzept zu entwickeln und schnell am Markt zu testen. Das Maß an Überraschungen steigt und steigt. Es kann nun täglich dazu kommen, dass jemand den Markt aufmischt. Auch Kunden werden immer anspruchsvoller und individueller. Sie haben heute vielfältigere Bedürfnisse und sind ebenfalls mit Internet und Smartphone ausgerüstet. So sind sie laufend informiert und können blitzschnell auf den für sie individuell passenden Anbieter ausweichen. Manager, die von „unruhigen Gewässern“ sprechen, meinen vermutlich oft genau diese Gemengelage.

Auch traditionell aufgestellte Organisationen, mit ihrem über 100 Jahre alten Betriebssystem, reagieren auf dieses dynamische Umfeld. Dann wird ein Projekt aufgesetzt und vorhandene Prozesse, Planungen und Strukturen werden angepasst. Bis das fertig ist, hat der Kunde schon bei Amazon gekauft. Diese Organisationen vertrauen darauf, dass die Gewässer sich schon wieder beruhigen. Vielleicht verhalten sich Kunden und Markt in ein paar Jahren wieder so schön vorhersehbar wie früher und die guten alten Zeiten kommen zurück. Die Durststrecke bis dahin überwindet man schon – mit noch mehr Effizienz. Wenigstens die garantiert das bewährte Betriebssystem.

Andere Organisationen hingegen beginnen, wieder ein bisschen so zu denken wie der Schreinermeister aus dem 19. Jahrhundert. Sie stellen sich auf permanente Überraschungen ein, reflektieren sich stetig, denken konsequent aus Sicht des Kunden und agieren proaktiv am Markt. Diese Organisationen schaffen hierfür die Rahmenbedingungen. Sie machen ein Update.

Es gibt viele interessante Ideen, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, teils völlig unabhängig voneinander, entstanden sind. Es kursieren wohlklingende Begriffe wie Lean, Scrum, Kanban, Crystal, SAFe, Less, Matrix und so weiter. Manche sind bekannt und verbreitet, manche weniger. Erst in den letzten Jahren wird der Versuch beliebter, all dies unter einem einzigen Begriff zusammenfassen zu wollen. Bewährte Managementinstrumente sorgen weiterhin für Effizienz, können aber verbessert, ergänzt, erweitert und vielleicht manchmal auch neu gedacht werden. Immer mehr Organisationen erkennen, dass die Fähigkeit, auf Überraschungen zu reagieren, ein Erfolgsfaktor ist und begeben sich auf eine Reise. Und vielleicht auch in Richtung Agilität.

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